Dioptrienotto’s Weblog

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Alles nur Spaß

Verfasst von dioptrienotto am Oktober 7, 2007

dioptrienotto.JPGDas Klebeband schnürt mir die Handgelenke ab, meine Hände sind taub, ich kann die Finger nicht mehr bewegen. Wenn ich mich nicht an den Strohballen lehnen könnte, wäre ich schon umgefallen. Draußen höre ich sie noch, sie spielen Fußball. Immer Fußball. Es war natürlich nur Spaß, dass sie mich gefesselt und eingeschlossen haben. Es ist immer nur Spaß.

Wie in der Schule, als mich M. in die Klasse stieß. Mein Jausenbrot rutschte mir aus der Hand, und ich klatschte der Länge nach auf den Boden. Dann trat er mich in die Seite, und ein anderer verschmierte mir den Brotaufstrich im Gesicht. Damals hat mir ein Lehrer geholfen, einer der älteren, der sonst nur grauhaarig und müde durch die Gänge schleicht. Er packte M. am Kragen und riss ihn von mir weg, dann hörte ich nur mehr M. wimmern und den Lehrer brüllen.

Minuten später kam M. grinsend wieder zurück in die Klasse. Wie üblich drohte er mir. Ich wüsste schon, was passieren würde, wenn ich jemandem etwas sagte.

Am Nachmittag ging ich zu Hause ans Telefon, M.s Mutter war dran und wollte wissen, was in der Schule passiert war. M. habe zu Hause erzählt, ein Lehrer habe ihn grundlos angegriffen. War nur Spaß, bestätigte ich, wir haben nur Spaß gemacht.

Später stellte sich heraus, dass M.s Eltern sich beim Direktor beschwert hatten. Sogar das angebliche Opfer der Aggression ihres Sohnes – ich – hätte bestätigt, dass gar nichts vorgefallen war, der Lehrer völlig überreagiert hatte.

Ein paar Tage später sprang M. in der Pause einem anderen Kind auf den Rücken und riss es nieder. Der gleiche Lehrer hatte Aufsicht, er drehte sich um und tappte erschöpft davon.

Über mir ist ein schmales Fenster, das einen Sonnenfleck an die Wand gegenüber wirft. Der Fleck wandert immer weiter nach oben. Schatten von ein paar Blättern tanzen in dem hellen Rechteck. Draußen ist es ruhig geworden. Sie sind wohl heimgegangen. Auf mich haben sie vergessen. Ist ja egal, was mit mir passiert. Irgendwann wird einer kommen, mich beleidigen, dann losbinden und mir erklären, was alles passieren würde, wenn …

Ich habe in die Hose gemacht. Zuletzt hat meine Blase fast unerträglich geschmerzt, aber alle Anstrengung hat nichts genützt, plötzlich ist sie von selbst ausgelaufen, und ich habe zunächst feuchte Wärme gespürt, dann nur noch nasse Kälte. Außerdem stinkt es. Natürlich werden sie es weitererzählen, wenn sie mich befreien. Er hat sich vor lauter Angst in die Hose gepisst. Pisser, werden sie mir nachrufen.

Der Sonnenfleck ist weg, und es wird dunkler.

Gegenüber von mir lehnen ein paar Werkzeuge an der Wand, ein Rechen, ein paar Schaufeln, eine Spitzhacke. Ihre Umrisse werden immer unklarer, und bald werde ich sie nicht mehr sehen können.

Gestern kam einer von ihnen in der Pause zu mir, du hast heute keine Hausübung, ist das klar, du Scheiß Streber? Es war nicht das erste Mal, dass sie mich zwingen wollten, zu behaupten, ich hätte meine Hausübung vergessen. Gestern habe ich zum ersten Mal getan, was sie wollten. Bisher war es immer so gelaufen, dass ich meine Hausübung vorgezeigt und dafür in der Pause danach Prügel bekommen hatte. Unauffällig und versteckt, ein Schlag gegen die Brille, dass das Gestell wieder einmal verzogen war, ein Tritt zwischen die Beine, dass ich mich krümmte, und sofort wieder fröhlich pfeifend auf dem Weg anderswo hin.

Ich mache meine Hausübungen gerne. Es gehört zu den schönsten Zeiten des Tages, wenn ich mich in der Sicherheit meines Zimmers hinsetzen kann, ein leeres Blatt Papier vor mir, das ich in Ruhe beschreibe, ohne dass mir irgendjemand dabei etwas tun kann. Denken und lernen ist für mich viel einfacher, als einmal ohne Ohrfeigen aus der Schule nach Hause zu kommen. Ich verstehe gar nicht, wie man so blöd sein kann wie manche von denen. Sie wissen auf keine Frage eine sinnvolle Antwort. Manchmal kann ich ihren Zorn verstehen, wenn sie erkennen, dass ich weiß, was sie noch nie verstanden haben. Ich kann nichts dafür, dass ich hungrig nach Wissen bin.

Es fällt mir schwer, zu atmen, in der Luft muss der Staub von Heu sein, meine Nase ist fast verstopft. Aber das Klebeband über dem Mund ist dicht, ich kann nur durch die Nase atmen. Manchmal wird die Luft knapp, ich habe Angst davor, in Panik zu geraten, es ist ein Gefühl, als sei man zu lange getaucht, und könne nicht atmen, weil man noch immer unter der Wasseroberfläche…

Ich muss ruhig atmen, um genügend Luft zu bekommen. Ob meine Mutter mich schon sucht? Wenn sie bei ihnen oder ihren Eltern anruft, werden sie lügen. Ich hätte mit ihnen Fußball gespielt, nein, etwas Besonderes sei nicht vorgekommen, nein, ich sei ganz normal nach Hause gegangen. Sie wüssten von nichts. Und die Eltern würden sich bestätigt fühlen – ihre Kinder waren ja zu Hause, nur der komische Vogel aus ihrer Klasse, der Streber, der war verloren gegangen. Wahrscheinlich zu doof, um alleine nach Hause zu finden.

Ohne dass ich es wirklich gemerkt habe, ist es jetzt vollständig dunkel geworden, und ich habe unglaublichen Durst. Ich muss schon lange hier sitzen, denn meine Hose ist mittlerweile wieder fast trocken. Durch das Fenster über mir fällt ein wenig bleiches Licht, vielleicht ist der Mond aufgegangen, oder es leuchtet eine weit entfernt stehende Straßenlaterne durch die Luke. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schon geschlafen habe, oder ob ich die ganze Zeit wach gewesen bin. Ich spüre meine Beine nicht mehr.

Ich muss mich zwingen, Beine und Arme zu bewegen, dass der Kreislauf wieder in Schwung kommt. Eine Zeitlang bin ich damit beschäftigt, die Arme anzuziehen, soweit es geht, und dann wieder zu strecken. Zehnmal die Arme, zehnmal die Beine. Nach einiger Zeit beginnt es zu kribbeln, ich habe es geschafft. Ich muss das jetzt regelmäßig machen, sonst kann ich nicht mehr aufstehen, wenn mich jemand befreit.

Ein anderes Problem sind die falschen Schuhe. Man braucht unbedingt in Sklavenarbeit in der Dritten Welt gefertigte Markenschuhe, um in Ruhe gelassen zu werden. Meine Schuhe sind zwar auch aus Sklavenarbeit, aber billig. Das war das einzige Mal, dass ich auch zugeschlagen habe. Einer von ihnen machte sich darüber lustig, dass mein Vater und meine Mutter zu blöd seien, um genug Geld für die richtigen Schuhe zu verdienen. Und da bin ich ausgerastet, weil ich es nicht zulasse, dass jemand meine Eltern beleidigt. Obwohl ich meinen Vater schon lange nicht mehr gesehen habe.

Natürlich endete die Geschichte so, dass der, den ich geschlagen hatte, sofort heulend zu unserem Klassenvorstand lief. Jede Menge Zeugen bestätigten, dass ich angefangen hätte, ich hätte ihn geschlagen, ohne jeden Grund. Unser Klassenvorstand ist keine Idiotin, sie wusste natürlich ganz genau, was gelaufen war. Sie wollte mit mir alleine sprechen.

Ich bin gerne mit ihr alleine. Sie ist eine schöne Frau, und es gefällt mir, wenn ich ihr gegenüber sitze und ihre dunklen Haare und ihren runden Busen ansehen kann. Womit hat er dich beleidigt, dass du zugeschlagen hast, wollte sie wissen, das ist doch nicht deine Art. Ich sagte nichts. Es hat keinen Sinn, etwas zu sagen. Ob ich etwas sage oder nicht, wenn ich in die Klasse zurück komme, gibt es Prügel, weil sie einfach davon ausgehen, ich hätte sie verraten. Es heißt dann, ich stelle mich gegen die Klassengemeinschaft. Wer sich nicht widerspruchslos schlagen lässt, stellt sich gegen die Klassengemeinschaft. Sie seufzte und ließ mich gehen.

Ich habe geschlafen. Dabei bin ich umgefallen und liege jetzt vor dem großen Strohballen auf dem Boden, es ist wieder hell geworden. Ich habe fürchterlichen Durst. Ich muss mich bewegen, und ich muss denken. Was wird sich seit gestern Abend getan haben? Meine Mutter hat wohl die Polizei verständigt, weil ich spät abends immer noch nicht zu Hause war. Warum habe ich keine Polizisten gehört? Warum habe ich nichts davon mitbekommen, dass ich gesucht werde? Es gibt nur einen möglichen Grund: Sie haben die Suchmannschaft in die Irre geschickt. Vielleicht, damit sie Gelegenheit haben, mich zu befreien?

Ich lege mir eine Strategie zurecht, für die es essentiell ist, dass ich mich gut bewegen kann. Im Liegen geht es sogar besser als im Sitzen. Arme auf und ab. Es schmerzt, aber das ist egal. Finger bewegen, Fäuste ballen, loslassen, wieder ballen. Beine anziehen, Beine strecken, Fußgelenke bewegen, rotieren lassen, soweit das Klebeband es zulässt. Es schmerzt furchtbar, aber mein Ziel lässt mich den Schmerz vergessen. Auch die Schultern kann ich bewegen, sie kreisen lassen, den Kopf vor und zurück strecken. Der Durst ist kaum mehr zu ertragen, aber ich kann mich gut bewegen.
Plötzlich rüttelt jemand an der Tür.

Es ist einer von ihnen. Ich kann sein blödes Grinsen nicht sehen, denn ich liege mit den Augen von der Tür abgewandt. Puh, hier stinkt’s! Man hört an seinem nasalen Ton, dass er sich mit den Fingern demonstrativ die Nase zuhält. Ein anderer lacht laut. Sie sind zu zweit. Wie er über den gelungenen Witz seines Freundes mit zugehaltener Nase lachen kann. Die Sau hat sich angepisst, schreit der andere, so eine Drecksau. Mehrmals wiederholen sie ihre Vorwürfe, aber ich bewege mich nicht. Ich mag gar nicht hingehen zu der Drecksau, er stinkt so, sagt der erste. Dann aber merke ich, wie sich jemand an dem Klebeband um meine Fußgelenke zu schaffen macht. Ich höre ein Ratschen, und meine Beine sind frei. Dann schneidet einer von ihnen das Klebeband um meine Handgelenke durch. Das Herz pocht mir bis ins Gehirn. Ich springe auf, stolpere, rappele mich hoch und reiße eine Schaufel von der Wand, eine mit langem Stiel und großem, dreieckigem Schaufelblatt. Ich hole aus und schwinge sie gegen die beiden. Sie sind so überrascht, dass sie sich nicht wehren. Einen von ihnen treffe ich am Kopf. Er sackt zusammen. Der andere starrt mich entsetzt an und sucht schreiend das Weite. Ich setze mich wieder vor den Strohballen, wo ich die Nacht verbracht habe. Das Klebeband vor dem Mund reiße ich mir selber herunter. Ich habe noch nie so befreit aufgeatmet. Er liegt still da. Blut sickert ihm aus Ohren, Nase und Mund.

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Nachts

Verfasst von dioptrienotto am Oktober 6, 2007

dioptrienotto.JPGIch war gerade dabei, vom Tiefschlaf in einen halbwachen Dämmerzustand zu gleiten, als ich meine volle Blase schmerzhaft spürte. Ich würde so nicht wieder einschlafen können, wälzte mich aus dem Bett und schlich aufs Klo. Es war noch stockfinster. Gut, dachte ich, es ist noch tiefe Nacht, du kannst noch ein paar Stunden schlafen. Wieder zurück im Schlafzimmer fiel mein Blick auf die roten Ziffern des Radioweckers. 6:10. Eigenartig. Der Wecker musste falsch eingestellt sein. Um diese Zeit mussten Lichtstrahlen durch die Schlitze in den Jalousien sickern, die das Zimmer in Dämmerlicht tauchten. Ich glitt unter die Decke und griff nach meiner Uhr. 6:11. Seltsam. Ich stand wiederum vorsichtig auf, um meine Frau nicht zu wecken, und tappte steif hinunter in die Küche. Die Uhr an der Mikrowelle zeigte 6:12. Hatte ich etwa nur geträumt, es sei Mai? Ich stellte den Fernseher an, um mir mit der Uhr der Teletextanzeige Gewissheit zu verschaffen. Weißes Rauschen. Das Kabelfernsehen war ausgefallen. Ein unangenehmer Druck machte sich im oberen Brustbereich bemerkbar. Angst. Ich warf einen Blick aus dem Küchenfenster auf die Straße. Die Straßenbeleuchtung brannte, sonst völlige Stille.

Wieder im Schlafzimmer oben flüsterte ich Laura zu „Es ist schon viertel nach sechs, und noch stockdunkel!“. Plötzlich stand sie neben dem Bett. Sie hatte die gefährliche und unangenehme Gewohnheit, wie von der Tarantel gestochen aus dem Bett zu springen, sobald sie erwachte. Schlaftrunken fragte sie mich, was los sei, ich wiederholte meine Erklärung und zog den Rollladen vor dem Fenster hoch. Sie tappte zu mir. Gemeinsam stellten wir fest, dass es immer noch stockdunkel war. „Gestern war der 9. Mai, richtig?“, fragte ich. Meine Frau starrte mich an, ohne mir zu antworten. „Ich habe schon drei Uhren gecheckt.“, sagte ich. „Es ist viertel nach sechs. Es müsste hell sein.“ Laura schüttelte nur den Kopf, so, als könnte sie nichts von dem Unsinn glauben, den ich erzählte.

Sie zog nun auch den Rollladen vor der Balkontür hoch. Die Tür wies in Richtung des Sonnenaufgangs. Wir starrten hinaus. Nicht einmal ein heller Streifen war am Horizont zu sehen. Ich öffnete die Tür und trat auf den Balkon. Es war kalt. Scheinwerfer glitten auf einer entfernten Straße vorbei. Man hörte einen Zug auf der Bahnstrecke vorbei fahren, die in unserem Rücken lag.

Wir sahen uns an ohne uns gegenseitig erklären zu müssen, dass etwas nicht stimmte. „Gestern war der 9. Mai.“, sagte meine Frau. Ich ging ins Zimmer zurück, schlüpfte in ein T-Shirt und eine Hose. Vorsichtig öffnete ich Valentins Zimmertür und machte Licht. „Zeit zum Aufstehen!“ Noch wollte ich nicht von der gewohnten Routine abweichen und eher an eine Sinnestäuschung, ein besonderes Wetterphänomen oder sonst was glauben. Valentin besaß als einziger im Haus ein Radio, das vom Kabelnetz unabhängig empfangen konnte. Ich nahm es vom Fensterbrett, stieg über die Treppe ins Wohnzimmer hinunter und stellte es auf den Esstisch, um nach umständlichen Manipulationen festzustellen, dass ich es auf den Schoß nehmen musste, weil das Kabel zu kurz war. Laura kam mir nach, sie hatte sich ebenfalls angezogen. Sie probierte noch einmal das Kabelfernsehen. Tot, keine Sender. Valentins Radio hatte ich noch nie eingeschaltet, ich brauchte eine Zeit, bis ich alle Frequenzen gefunden und durchsucht hatte. Kein Sender. Ich trug das Radio zum Fenster, drehte nach einem neuerlichen Suchvorgang an der Antenne herum, nichts.

Meine Frau kaute an ihren Fingern, ein Zeichen nahender Panik. „Was sollen wir tun?“ fragte sie. „Was sollen wir denn tun? Tu irgendwas!“ Sie neigt zur Irrationalität, wenn sie mit Situationen nicht klar kommt.

Unsere Kinder hatten gespürt, dass etwas nicht in Ordnung war. Madita kam herunter. „Es müsste schon hell sein. Was ist los?“ Sie bekam keine Antwort. „Scheiße. Ich habe heute Matura.“ Sie flog aus dem Zimmer und unter die Dusche. Vorläufig hatte sie ihre Tagesplanung nicht umgestellt.

„Ich ruf meinen Vater an.“, sagte ich zu Laura. Er stand immer bald auf. Was ich brauchte, war Sicherheit – lebten wir in einer Sinnestäuschung, oder war etwas Unvorstellbares passiert?“ Mein Vater meldete sich nach dem fünften Läuten. „Papa,“ begann ich, aber er unterbrach mich sofort. „Ich weiß,“, sagte er, „es müsste längst hell sein. Sogar strahlend hell – ich kann den Sternenhimmel sehen, es gibt keine Wolken.“ „Du hast doch eine Satellitenschüssel,“ schöpfte ich Hoffnung, „kannst du…“. Er ließ mich nicht ausreden. „Kein Sender. Gar keiner. Von nirgendwo.“

Meine Stimme kippte in die Panik. „Papa, geht nicht aus dem Haus. Es muss etwas Fürchterliches passiert sein. Es wird nicht mehr hell.“ Jetzt hatte ich das Offensichtliche ausgesprochen, und für mich wurde es dadurch erst Wirklichkeit. Es wurde nicht hell. Laura war ans Ostfenster des Wohnzimmers getreten, offensichtlich in der Hoffnung, endlich einen hellen Streifen am Himmel wahrnehmen zu können, doch da war nichts.

Valentin kam zu uns. Er setzte sich auf meinen Schoß, legte die Arme um meinen Hals und schloss die Augen wieder. „Warum ist es nicht hell?“ Ich schluckte. Wie sollte ich ihm etwas so Unglaubliches erklären, von dem ich keine Ahnung hatte? Hunderte Vorhersagen über zu erwartende Katastrophen hatte ich in den letzten Jahren gelesen, von Vulkanausbrüchen, Tsunamis, Klimakatastrophen, was weiß ich. Niemand hatte uns jemals darauf vorbereitet, dass es eines Tages möglicherweise nicht mehr hell werden würde.

„Wir frühstücken jetzt.“ Ich versuchte, dem Tag – Tag? – einen normalen Ablauf zu geben. Essen mussten wir, ob es hell wurde oder dunkel blieb. „Aber wir bleiben im Haus. Wer weiß, was passiert ist.“

Laura hatte sich aufs Sofa gelegt und bis zur Nasenspitze zugedeckt. Der Wirklichkeit entfliehen, indem man sich vor ihr verbirgt. Eine kindliche Strategie, die ich sie schon so oft anwenden hatte sehen. Aber ihr Blick sagte mir, dass auch sie wusste, dass es diesmal nicht helfen würde. Es wurde nicht mehr hell.

Ich machte mich daran, ein Frühstück zuzubereiten, wie wir es an einem freien Tag am Wochenende zu uns nahmen, mit Eiern, Schinken, Tomaten, Käse, und so weiter.

Während des Tischdeckens fiel mir ein, dass doch das Internet funktionieren konnte, wenn auch das Telefon lebendig war. Ich schaltete ein, rannte während des unglaublich langsamen Hochfahrens wieder in die Küche, um die Eier abzuschrecken. „Tu auch mal was!“, rief ich meiner Frau zu, als ich wieder zum Computer verschwand. Ich brauchte nicht lange. Keine Seite war seit Mitternacht aktualisiert worden, nicht CNN, nicht unsere Zeitungen und Fernsehstationen. Alle Seiten funktionierten – mit den News von gestern. Ich ließ den PC laufen.

„Im Internet keine Information.“ Ich versuchte, sachlich zu bleiben und köpfte mein Ei. Madita kam im Bademantel mit nassen Haaren, setzte sich zu mir und begann zu essen. Valentin lag zu Lauras Füßen auf dem Sofa und starrte mich mit großen Augen an. Von mir verlangte man Erklärungen und Handeln. Ich war so ratlos wie alle anderen auch und versuchte meine Angst durch Essen zu bekämpfen. „Wer bringt mich?“ Madita schien noch immer überzeugt, dass sie heute ihre Englisch-Klausur schreiben würde. „Ruf erst mal ein paar Leute von deiner Klasse an, ob überhaupt jemand kommt. Ich probier’s bei Professor Römer. In dieser Situation…“ Er musste wach sein. Madita warf ihr Handy auf den Tisch. „Kein Netz.“ Der Festnetzanschluss hatte noch ein Freizeichen. Ich brauchte erst eine Lesebrille, bevor ich die Nummer von Maditas Englischlehrer heraussuchen konnte.

Zuerst war besetzt, beim dritten Versuch meldete er sich nach dem ersten Läuten. „Ja, es haben schon mehrere angerufen. Ich denke, so lange keiner weiß, was los ist, sollen alle zu Hause bleiben. Ich jedenfalls fahre in die Schule, was soll ich sonst auch machen, vielleicht kommt jemand.“

Ich erklärte Madita, dass die Maturaprüfung heute wohl ausfallen würde. Sie reagierte erstaunlich gelassen. „OK. Ich geh in mein Zimmer. Lesen. Solange es noch Strom gibt.“

Ich setzte mich zu Laura aufs Sofa. Sie hatte kein Wort gesprochen, während Madita und ich gefrühstückt hatte. Mir kamen die Tränen, ohne dass ich genau wusste, worüber ich weinte. Rastlos stand ich auf, öffnete die Terrassentür, mir war heiß, ich fand die Luft stickig. Ich starrte nach Osten. Laura kam leise hinter mir her, ich spürte sie erst, als sie mir von hinten die Arme um den Körper legte und ihren Kopf an meinen Rücken drückte. Es schien kein Mond, ein paar blasse Sterne glühten.

Plötzlich hatte ich den Eindruck, als hörte ich ein leises Sirren in der Luft, das gleichzeitig von nirgends und überall kam. „Hörst du es auch?“, fragte ich. „Was?“ Ich begann offenbar zu halluzinieren. Gleich darauf meinte ich ein schwaches Pumpen wahrzunehmen, etwas, das man nicht hören konnte, sondern fühlen, eine regelmäßige Druckänderung, vielleicht ein ganz leises Seufzen.

Laura hob den Kopf. Sie spürte es auch. „Gehen wir besser wieder hinein. Vielleicht ist ja alles radioaktiv verseucht, oder es sind Giftgase in der Luft.“

Uns blieb nichts zu tun, als uns zusammen aufs Sofa zu kuscheln, einander Wärme und Nähe zu geben und abzuwarten. Nach einer halben Stunde klingelte das Telefon. Mein Vater war dran. „Hört ihr auch dieses Geräusch?“ Ich hatte es mir nicht eingestehen wollen, aber ich hörte und fühlte es. Ein ganz dumpfes, regelmäßiges Pumpen, Saugen, Seufzen. was auch immer. Nun konnte man es auch im Haus spüren, und ich hatte Angst, dass es mich zum Wahnsinn treiben würde.

Erst jetzt kamen wir auf die Idee, eine DVD einzulegen, um mit unsere Angst zu verscheuchen. Wir starrten den Fernseher an, der uns eine Komödie zeigte und das grauenhafte Pumpen für einige Zeit übertönen würde.

Ich stahl mich davon und tat, was man im Angesicht von Katastrophen gelernt hat, zu tun. Ich reinigte die Badewanne und ließ sie voll Wasser laufen, damit wir Trinkwasser hatten. Alle Kerzen, die ich finden konnte, Streichhölzer und Taschenlampen häufte ich auf dem Esstisch auf.

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